Ich kann dich einfach nicht mehr sehen!

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Der Moskauer Lokalsender Москва 24 berichtete heute über einen ausufernden Rosenkrieg im Reichenviertel Rubljovka (Рублевкa): Nach der Scheidung hätte sie ja gern das gesamte Wohnhaus im Wert von 50 Mio. Rubel (etwa 730.000 Euro) haben wollen, klagt die Ex-Ehefrau dem Reporterteam, das Gericht jedoch sprach ihr nur die Hälfte zu: die Küche (!), das Ess- und das Wohnzimmer sowie einige Räume in der zweiten Etage.
Das Zusammenleben der ehemaligen Eheleute gestaltete sich offenbar so schwierig, dass Ex-Ehemann Sergey beide Teile des Hauses kurzerhand durch eine Mauer trennen ließ. Nun begegnen sich die beiden zwar nicht mehr, allerdings erreicht Margarita ihre Zimmer im zweiten Stock nicht, denn die Treppe liegt in der Haushälfte ihres Ex-Mannes. Vollkommen aufgelöst sitzt sie zwischen Nerzmänteln, Gobelins und gigantischen Lüstern im Erdgeschoss, während die letzte Reihe der Mauer eingesetzt wird. Was nun? Auf diese Frage fällt ihr nur ein, vielleicht den MTchS (МЧС) zu rufen, eine Spezialeinheit für Katastrophenschutz.
Das Video auf www.m24.ru (4:03 min)

Russland ist ...

Dienstag, 18. Oktober 2016

... das Land der absurden Arbeits(sitz)plätze

Heute ist: Weltmusiktag

Samstag, 1. Oktober 2016

Heute, zum Internationalen Tag der Musik, möchte ich mit dem Lied Наш Сосед (Nasch sosed: Unser Nachbar) von Edyta Piecha (Эдита Пьеха) alle unsere lieben Nachbarn in Berlin und Moskau herzlich grüßen. Sehen Sie es doch mal so: Durch uns eröffnen sich Ihnen musikalische Welten, die Ihnen sonst für immer verschlossen geblieben wären! Hätten Sie sich zum Beispiel ohne unsere Anleitung jemals ein so großartiges Werk wie dieses angetan angehört? Nein? Bitte, gern geschehen.

Müllmänner und Nestbeschmutzer

Sonntag, 25. September 2016

Der Flohmarkt Svalka (свалка: Müllhaufen; der Name ist Programm!) stellt boshaft fest: Das Volk und der Müllhaufen sind eine Einheit.

Das Gluckern der Heizung – welch lieblich Klang!

Donnerstag, 22. September 2016

Ein pragmatisch-unansehnlicher Zwiebel-Look bestehend aus T-Shirt, Pullover, Strickjacke plus Schal, Ingwertee-Infusion und zwei Wärmflaschen abwechselnd im Einsatz. So hielt ich mich während der vergangenen Tage notdürftig am Leben. Das Frieren aber hat nun ein Ende – ab heute wird auch unser Haus mit Fernwärme versorgt. Die Heizsaison begann dieses Jahr schon am 20. September; bis zum 25. sollen alle Moskauer Haushalte mit warmen Heizungen beglückt werden. Normalerweise werden die Heizkraftwerke erst im Oktober hochgefahren, doch in diesem Jahr hat uns der Altweibersommer eiskalt im Dauerregen stehen lassen. Wie wohl der Winter wird?

Lieblingsorte: Nachts im Taxi

Donnerstag, 15. September 2016

Die Wolkenkratzer der Moscow City und die Krim-Brücke bei Nacht
Der Yandex-Staumelder zeigt auf Grün, was sich positiv auf die Laune des Taxifahrers auswirkt. Ich lümmle im Fond und betrachte die effektvoll beleuchteten Bauwerke Moskaus, die ruhig an mir vorüber ziehen. Sogar die tagsüber verhassten vielspurigen Trassen entwickeln jetzt einen gewissen Charme; elegant gleitet das Auto unter der Kaskade der Straßenlaternen dahin.

Lieblingsorte: Andronikov-Kloster

Mittwoch, 14. September 2016

Das hoch über der Jausa gelegene Andronikov-Kloster (Андроников монастырь) wird aus den unterschiedlichsten Gründen besucht: Als Museum des Ikonenmalers Andrej Rubljov (Андрей Рублёв) ist es den Kunstfreunden bekannt. Gläubige entzünden in der 600 Jahre alten Klosterkirche Opferkerzen. In der Parkanlage packen Angestellte der umliegenden Büros ihre Mittagsbrote aus und Mütter mit Kinderwagen drehen hier endlose Runden. Doch zur Freude aller leben hier mehrere äußerst liebenswürdige Katzen.

Lieblingsorte: Die VIP-Zone

Dienstag, 13. September 2016

Konzertbühne der Moskauer Isvestia Hall von oben
Hier können mir keine Zwei-Meter-Typen die Sicht nehmen, weil ich ganz vorn stehe. Vielmehr: sitze. Hin und wieder – das ist abhängig vom VIP-Grad – werden Häppchen und Getränke gereicht. Das Wichtigste aber: Ich muss nirgends warten, auch nicht vor dem WC. Und dieses ist auch noch nach Konzertende ohne Nasenklammer betretbar. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Gleichheit, Brüderlichkeit und so – das ist wirklich ganz toll, VIP-Zonen aber sind viel besser!

Lieblingsorte: Morosovskij Sad

Montag, 12. September 2016

Wucherndes Blumenbeet im Morosovski-Garten
Zwischen den Gebäuden in der Podpokajevski-Gasse steht eine fensterlose Wand; der Putz bröckelt an manchen Stellen ab, von oben hangelt sich Wilder Wein herunter. Ein Gittertor gibt den Blick auf eine buckelige Treppe frei. Oben angelangt, steht man in einem winzigen, terrassenartigen Park. Frei von menschlicher Gängelung wuchert der Wilde Wein; Bäume und Büsche bilden ein undurchdringliches Dickicht. Die passende Kulisse liefern die typischen Moskauer Backsteinbauten des 19. Jahrhunderts, die sich in einem ebenso vernachlässigten Zustand befinden. Im Grün sind einzelne Menschen mit einem Buch in der Hand zu erkennen. Wie schön! Hier bleibe ich.

Lieblingsorte: Artplay, Gebäude 2, 8. Stock

Sonntag, 11. September 2016

abendlicher Panoramablick mit Stalinhochhaus und Christ-Erlöser-Kirche
Noch vor zehn Jahren war Moskau ein Moloch, in dem nicht nur auf den Straßen das reinste Chaos herrschte. Inzwischen ist die russische Hauptstadt lebenswerte urbane Metropole geworden. Der Prozess ist noch längst nicht abgeschlossen, das derzeit laufende Stadterneuerungs-Programm „Meine Straße“ (Моя улица) ist da nur ein kleiner Baustein. Es beherzigt auch bei weitem nicht alle Ratschläge von Stadtplanern und Architekten, aber es ist ein Zeichen an die Bürger: Ihr seid uns wichtig – die 1990er Jahre, in denen euch die Stadt unter dem Hintern wegverkauft wurde, sind vorbei! Und so wird von Monat zu Monat den vernachlässigten Plätzen und Straßen neues Leben eingehaucht (auch wenn der Korrespondent der FAZ da ganz anderer Meinung ist).
Zum Stadtgeburtstag stelle ich ab heute einige meiner Lieblingsplätze im neuen Moskau vor: Das Artplay an der Jausa ist eins der neuen Design- und Kulturzentren, die in verlassenen Fabrikanlagen entstanden sind. Hier kostet ein Stuhl so viel wie eine ganze Wohnzimmereinrichtung von IKEA; die Bars und die gelegentlichen Handwerkermärkte sind da schon demokratischer. Ganz ohne Geld bekommt man von der Terrasse der obersten Büroetage einen der schönsten Panoramablicke über die Dächer von Moskau.

Moskau feiert den 869.

Samstag, 10. September 2016

Никита Михалков: Я шагаю по Москве / Nikita Michalkov: Ich laufe durch Moskau
(aus dem gleichnamigen Film von 1964)
Moskau feiert heute Geburtstag – mit gewohnt viel Tamtam, aber etwas bleibt auch: Nach vierjähriger Bauzeit eröffnete heute der langersehnte S-Bahn-Ring. Den gibt es zwar schon seit über 100 Jahren, aber ab 1934 wurde er nur noch für den Güterverkehr genutzt. Ein großer Fehler! Denn das öffentliche Verkehrsnetz, speziell die Metro, ist sternförmig aufgebaut: Alle Linien führen ins Zentrum und sind nur an wenigen Punkten miteinander verbunden. Mit dem 54 km langen Ring, der Umsteigemöglichkeiten zu 17 Metro- und 10 S-Bahn-Stationen bietet, sparen die Moskoviter ab heute viel Zeit und Nerven. Denn so wird das Zentrum von allen Passagieren entlastet, die eigentlich gar nicht ins Zentrum müssen.
Volodja, alias Nikita Michalkov, schlendert in dieser Szene zwar kurz vor der Schließung um 1 Uhr nachts durch die Metrostation „Universität“, aber so leer wie damals ist die Metro heute selten. Der Ring wird daran nichts grundlegend ändern, aber auf jeden Fall eine Entlastung bringen. Bis zum 10. Oktober ist die Fahrt auf dem Ring übrigens kostenlos – ein schönes Geburtstagsgeschenk für die Moskoviter!

Unsern täglich Style gib uns heute

Montag, 5. September 2016

Brot verpackt in weißer Papiertüte mit schwarzem Aufkleber
Neulich im Supermarkt habe ich gesiegt – die Verkäuferin akzeptierte es ohne besondere Verwunderung, dass ich meine Einkäufe im mitgebrachten Stoffbeutel verstaute. Denn anders als in Deutschland werden hier an der Kasse alle Waren ungefragt sofort in mehrere Plastikbeutelchen verpackt. Das betrachtet man als selbstverständlichen Service am Kunden. Sogar Milch im Tetrapak reicht mir die Händlerin auf dem Wochenmarkt in einer Plastiktüte, die zudem henkellos ist. Die ist nämlich nicht etwa zum bequemen Tragen gedacht, sondern „zum Schutz“!
Auch beim Bäcker bekommt man Brot und Gebäck normalerweise in einer transparenten Tüte. Vor Kurzem aber eröffnete auf unserem Markt die „Kleine Bäckerei“. Erfreulicherweise benutzt sie Papiertüten! Allerdings treibt die junge Bäckersfamilie Schuravljov weniger der Wille zur Müllvermeidung an als vielmehr der zur Einhaltung des Corporate Design. Die schwarz-weiße Gestaltung der Bäckerei muss natürlich auch bei den Verpackungen durchgehalten werden – also werden die weißen Tüten mit schwarzen Logo-Aufklebern verschlossen. Eine schicke (wenngleich wenig informative) Website und eine Präsenz bei Facebook und Instagram gehören zum modernen Brötchenbacken selbstverständlich dazu.

Djannas Liebe zum Grün

Freitag, 2. September 2016

Tomatenpflanzen und Blumen auf dem Fensterbrett, огород на балконе
Unsere Nachbarin gärtnert im Treppenhaus. Unberührt von etwaigen Brandschutzbestimmungen hat sie über die Jahre ein beachtliches Dickicht auf unserem Treppenabsatz erzeugt. Wenn mal der Lift ausfallen sollte – über die Treppe kommt jedenfalls keiner nach unten. Eine besonders stark wuchernde Pflanze greift sogar schon nach dem Fahrstuhlschacht aus, was Djanna eifrig mit Rankhilfen unterstützt: Vom Handlauf der Treppe zum Fahrstuhl spannt sich jetzt ein Netz aus Bindfäden, das in wenigen Monaten vollständig begrünt sein dürfte. Die Ziertanne, die in ihrer Ecke kaum noch Licht bekommt, wächst dagegen sehr, sehr langsam. Einmal im Jahr jedoch steht sie im Mittelpunkt: Wie es sich für eine Tanne gehört, trägt sie zum Neujahrsfest Schmuck aus Silberpapier. Rings um den Stamm drapiert Djanna Plüschtiere, die der Sohn beim Auszug nicht mitnehmen wollte.
Diesen Frühsommer hat Djanna Tomatenpflanzen auf das Fensterbrett gestellt. Nach Monaten unermüdlicher Pflege sind endlich winzig kleine Kirschtomaten herangereift. Djanna ist glücklich.

Sommer in der großen Stadt

Mittwoch, 24. August 2016

Zuckerwatte essendes Mädchen mit interessierter Wespe
Womit sich die Moskoviter im Winter beschäftigen, das ist doch klar: Fellmütze tragen, Wodka trinken und Eisbaden. Doch was treiben sie im Sommer? Davon hat man im Ausland so gar keine Vorstellung. Es wird sogar angezweifelt, dass es das Thermometer überhaupt mal nennenswert über 20 Grad schafft. Die globale Klimaerwärmung jedoch sorgt auch hier für immer längere und heißere Sommer, auch wenn der diesjährige der niederschlagsreichste seit 140 Jahren ist. Was machen also die Einwohner von Moskau wenn der Asphalt glüht und die Klimaanlagen tropfen? Ich habe es heraus gefunden ...

Die Schönheit des Untergangs

Mittwoch, 17. August 2016

Pavillon in der WDNH vor dem roten Abendhimmel
„Je mehr Staub in der Luft, umso farbenfroher der Sonnenuntergang“, bemerkt mein Besuch aus Deutschland maliziös lächelnd. Manches hat eben nicht nur schlechte Seiten.

Prima Klima

Freitag, 12. August 2016

Basiliuskathedrale und Spaski-Turm im Sonnenschein
Nach dem alten russischen Volkskalender endet am 2. August der Sommer und damit die Badesaison. An diesem Tag, so glaubte man, wurde der Prophet Elias (Святой Илия) lebendig in den Himmel aufgenommen. Üblicherweise ist es ja so, dass nach dem Ableben die Seele ganz einfach nach oben steigt. Doch da Elias noch mit einem Körper beschwert war, reiste er in einer Kutsche. Sei es aus Angst oder Ungeduld – er trieb die Pferde dermaßen an, dass eines während der rasanten Fahrt durch die Wolken sein Hufeisen verlor. Es fiel auf die Erde zurück und kühlte schlagartig alle Gewässer aus.
Inzwischen scheint der Heilige Elias vorsichtiger zu fahren, denn längst zählt der August auch in Moskau noch zu den Sommermonaten. Zur Freude aller Sonnenhungrigen hat der Tag des Heiligen Elias (Ильин день) seine praktische Bedeutung eingebüßt und auch eine weitere mit diesem Tag verknüpfte Tradition ist mittlerweile fast vollständig ausgestorben: Noch vor wenigen Jahren zogen am 2. August die Fallschirmjäger (десантники) mit reichlich Spirituosen bepackt von Springbrunnen zu Springbrunnen, um den letzten Badetag des Jahres zu begehen.

Eine Frage der Größe

Mittwoch, 22. Juni 2016

Altes Lenindenkmal vor einem neuen Bürohochhaus in Moskau
„Du magst zwar höher sein als ich“, spricht Vladimir Iljitsch zum Business Center, „aber ich bin größer!“

Erdbeeren online

Montag, 20. Juni 2016

Karte von Moskau, in der alle Erdbeer-Verkaufsstände eingezeichnet sind
In Moskau gibt es für alles eine Website, mindestens aber eine Internet-Karte. Jetzt kann man sogar die Standpunkte der temporären Erdbeer-Verkaufsstände online recherchieren.

Ab und zu ist Sommer

Samstag, 18. Juni 2016

Kirchturm und Hausfassade in der Nikolskaya in Moskau
Der Kirchturm des Männerklosters in der Nikolskaya im Schein der Abendsonne. Jetzt allerdings regnet's schon wieder ...

Am deutschen Eck

Montag, 13. Juni 2016

Schilder des Restaurants Bruder und der Zoohandlung Beethoven
Geballte deutsche Leitkultur mitten in Moskau: An das Bier-Restaurant Брудер (Bruder) schmiegt sich die Tierhandlung Бетховен (Beethoven).

Zeichen und Wunder

Donnerstag, 2. Juni 2016

Jeansjacke mit Pin zum 100. Gedenktag des Armenischen Genozids, einer stilisierten Vergissmeinnicht-Blüte
Es ist vollbracht! Bravo! Im Jahre 101 nach Beginn des Genozids an den Armeniern hat sich heute der Deutsche Bundestag dazu durchgerungen, eine Resolution mit dem klangvollen Titel „Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916“ zu verabschieden. Damit hat er den Genozid nicht nur offiziell anerkannt, sondern sogar eine deutsche Mitschuld zugegeben. Zwar ist der Zeitpunkt der Resolution ziemlich verdächtig – doch auch wenn die „armenische Sache“ für politische Spielchen herhalten musste, dann dieses Mal wenigstens zu ihrem Gunsten.
Dazu ein Interview mit dem türkischstämmigen Schriftsteller Zafer Şenocak im Deutschlandfunk: Die Leugnung dieses Verbrechens ist eine zweite Tragödie (1. Juni 2016)

Back to the roots? Neues vom Gartenring

Montag, 30. Mai 2016

Der für den motorisierten Verkehr gesperrte Gartenring am Außenministerium am 29. Mai 2016
Nein, das ist nicht Moskau 1963 während der Datscha-Saison. Nein, dieses Foto habe ich gestern aufgenommen. Da liefen wir zu Fuß von der Krimbrücke zum Arbat – mitten auf dem Gartenring (Садовое кольцо), einer der Hauptverkehrsadern Moskaus! Dort, wo normalerweise ein endloser Fluss von Autos auf zwölf Spuren dahin tost, hörte man nur ab und an das Knacken einer schlecht gewarteten Fahrradkette. Ansonsten – Stille!
Von 13 bis 17 Uhr war die gesamte Strecke von fast 16 Kilometern für den motorisierten Verkehr gesperrt und im Besitz von mehr als 30.000 Fahrradfahrern (und einzelnen Fußgängern), die an der bislang größten russlandweiten Veloparade teilnahmen. An den restlichen 364 Tagen des Jahres dagegen ist es für Fahrradfahrer nicht ratsam, sich auf dem Gartenring aufzuhalten. Fußgänger haben erst recht nichts auf der bis zu 70 Meter breiten Trasse zu suchen: Bis auf einige seltene Fußgängerampeln stehen ihnen meist nicht barrierefreie Tunnel zur Verfügung, um auf die andere Straßenseite zu gelangen.
Dabei zählte der Gartenring einst zu den schönsten Straßen der Stadt. Nach dem Großen Brand von 1812 wurde die Ringstraße als grünes Band um die Innenstadt angelegt. Hier hatten reiche Moskoviter schmucke Anwesen mit ausgedehnten Gärten – daher der Name. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden erste mehretagige Häuser. In den 1930ern war es mit der Idylle dann endgültig vorbei: Die Straße wurde asphaltiert und monumentale stalinistische Wohnblöcke verdrängten Villen und Gärten. Von da an wandelte sich der Gartenring unaufhaltsam zu der heutigen stinkenden Asphalthölle, an der man besser keine Feinstaubmessgeräte aufstellt.
Jetzt soll aber alles besser werden: In den nächsten zwei Jahren wird der Gartenring einer Schönheitskur unterzogen, die die eklatanten Fehler der 1990er Jahre beheben oder zumindest abmildern soll. Diese Maßnahme ist Teil des gigantischen Stadtgestaltungs-Projektes Моя улица (Meine Straße), das in dieser Form im Reich der schwarzen Null undenkbar wäre.

Wolltuch à la russe

Samstag, 28. Mai 2016

Detail eines russischen Tuchs aus Pawlovski Possad
Herr K. steht in Gelassenheit vortäuschender Standbein-Spielbein-Position in der Nähe der Ladentür: „Na, hast du dich entschieden?“ Was für eine Frage, wie soll ich denn so schnell aus tausenden Tüchern in verschiedenen Größen, Stoffqualitäten und Designs das Allerallerschönste herausfinden? Besonders, wenn ich nichts anfassen darf. Denn im Geschäft der traditionsreichen Tuchfabrik aus Pawlovski Possad (Павловский Посад) hängt die kostbare Ware hinter einem Netz in bis zur Decke reichenden Regalen.
Zum näheren Betrachten holt die Verkäuferin die gewünschten Stücke aus dem Lager. Tuch um Tuch lege ich mir um die Schultern, der Berg neben dem Spiegel wird immer größer. Schließlich habe ich mein Lieblingsstück gefunden. Wie für mich üblich, ist es teurer als die anderen. „Das ist aus der neuen Kollektion“, klärt uns die Verkäuferin auf. „Außerdem ist die Wolle Importware. Die ist teurer als einheimische.“ „Mhh“, macht Herr K. „Es gefällt ihr doch!“, schiebt sie nach. Ein gutes Argument! Ich schätze weibliche Solidarität – auch wenn sie finanziell motiviert ist.
An dieser Stelle wird sich mancher fragen, warum ich unbedingt ein Wolltuch mit Blumendruck haben möchte. So was tragen heutzutage doch nicht einmal mehr Frauen sehr fortgeschrittenen Alters! Nun, das mag für Deutschland zutreffend sein, im Kleiderschrank einer jeden russischen Frau aber befindet sich mindestens ein Tuch aus Pawlovski Possad. Das ist seit dem 19. Jahrhundert so und es besteht kein Grund zur Annahme, dass sich das bald ändern wird. Denn zum einen sind diese Tücher herrlich warm, zum anderen erstaunlich wandlungsfähig – sie passen so ziemlich zu jedem Stil, jedem Alter und sogar zur männlichen Garderobe. Die „russischen Tücher“ sehen einfach immer gut aus. So überrascht es nicht, wenn sie immer wieder auf dem Laufsteg oder dem roten Teppich auftauchen. Oder in Bayern.
Mehr zur Geschichte und Herstellung der Pawlovski-Possad-Tücher
Mode im „russischen Stil“ zum Anschauen: Ulyana Sergeenko, Anastasia Romantsova,
Slava Zaitsev, Lena Hoschek und Kaufen: Varvara, À la Russe

Die Zärtlichkeit der Völker

Freitag, 20. Mai 2016

Vorhängeschlösser in Herzform an der Lushkovbrücke in Moskau
Das letzte Wochenende hat einmal mehr gezeigt, dass der Eurovision Song Contest inklusive gewisser Kommentatoren für die Völkerverständigung eher hinderlich ist. Das muss man jetzt also auch noch selber machen! Der osteuropäischen Musikszene gelingt das ganz gut. Hier eine kleine Auswahl von MusikerInnen, die sich von Staatsgrenzen und Sprachbarrieren nicht aufhalten lassen: